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Autor Thema:   Gedanken zu Krieg
Klaus Därr
Administrator

Beiträge: 223
Registriert: Mär 2000

erstellt am: 21. September 2001 07:41     Sehen Sie sich das Profil von Klaus Därr an!     Editieren oder löschen Sie diesen Beitrag! Reply w/Quote
Der bevorstehende Krieg kommt hier im Forum bisher nicht vor, obgleich er massive Auswirkungen auf unser Leben im Alltag und auf Reise haben wird. Sind wir denn politische Neutren, die sich nur dafür interessieren in welchem warmen Land wir ebenso billig wie sicher reisen und dennoch mit dem Immage des Abenteuerreisenden zurückkommen können?
Sagt doch öffentlich Euere Meinung zum Attentat auf das WTC, zu den Ursachen die dazu führten und zu den Konsequenzen die uns bevorstehen. Meine Meinung aus dem Stand des Wissens von heute ist über den Link nachzulesen.
Link: http://www.klaus.daerr.de/Krieg.htm

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Steve
Junior Member

Beiträge: 4
Registriert: Apr 2001

erstellt am: 21. September 2001 13:26     Sehen Sie sich das Profil von Steve an!   Senden Sie Steve eine eMail!     Editieren oder löschen Sie diesen Beitrag! Reply w/Quote
Hallo Klaus,
Ich habe Dein e Meinung über den Anschlag mit Interesse gelesen. Ich habe das Glück seit meinem 10 Lebensjahr durch Afrika reisen zu dürfen. Ob in Schwarzafrika, im Süden, Osten , Westen oder Norden, ich habe gelernt, daß ein Lächeln in der Regel hilfreicher ist als ein Stock, Pistolen oder harte Worte. Wie die Zukunft aussieht vermag ich nicht zu erkennen aber lächeln wird bald keiner mehr. Was in Amerika geschah ist zweifellos eine große Tragödie für die westliche Welt aber - was folgen wird - eine Tragödie für die ganze Welt. Nachgeben wird wohl keiner der Parteien.
Gruß
Steve

[Diese Nachricht wurde von Steve am 21. September 2001 editiert.]

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dori
Junior Member

Beiträge: 8
Registriert: Sep 2000

erstellt am: 21. September 2001 20:03     Sehen Sie sich das Profil von dori an!   Senden Sie dori eine eMail!     Editieren oder löschen Sie diesen Beitrag! Reply w/Quote
Hallo,Klaus Därr,
der Grund warum sich so wenig zum entsetzlichen Geschehen äußern liegt wohl darin dass einem die Worte "im Halse" stecken bleiben.
Klar dass als die Hauptursache der Konflikt Israel-Palestina anzusehen ist - also liegt die eigentliche Ursache schon 50 Jahre zurück.
Die Konfliktsituation ist nie wirklich aufgearbeitet worden, die genauen Umstände zu erläutern führen in diesem Forum zu weit.
Tatsache ist jedoch dass die Fundamentalisten nichts, aber auch gar nichts mit dem ehemals so toleranten Islam z.B. im Spanien vor den katholischen Königen zu tun haben. Die Geschichte kehrt sich um - früher waren die Christen auf dem Kreuzzug - heute wollen die Fundamentalisten den "Heiligen Krieg" - wen wundert es wenn jetzt die USA einen "Feldzug" starten wollen? So helfen Bin Laden + Co Präsident George Bush möglicherweise zu einer 2. Amtszeit - ......
Zum Verhandeln sollte es nie zun spät sein, aber mit Terroristen kann man nicht verhandeln! Ich habe nicht gedacht dass ich mal diese Haltung einnehmen würde, aber der Anschlag in New York geht über alles menschlich vorstellbare hinaus!
Auch wenn die absehbaren Konsequenzen erschreckend sind - die andere Wange hinhalten nützt in diesem Falle nichts!
Trotzdem soll man nicht jetzt in Agonie verfallen - und trotz allem weiter reisen - durch Reisen in andere Länder können wir verstehen , erklären... wenn mehr Amerikaner mehr Urlaub hätten... wennn Gerge W. Bush schon eher weltpolitische Vorstellungen gehabt hätte... aber die Terroristen hätten auch unter Al Gore zugeschlagen..
dies sind so Gedanken die mir so durch den Kopf gehen ind der letzten Woche.

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Herbert
Junior Member

Beiträge: 25
Registriert: Mai 2000

erstellt am: 21. September 2001 22:21     Sehen Sie sich das Profil von Herbert an!   Senden Sie Herbert eine eMail!     Editieren oder löschen Sie diesen Beitrag! Reply w/Quote
Fest steht fuer mich, dass das Attentat auf das WTC nicht nur ein Anschlag gegen die USA, sondern gegen alle Nationen war. Zig Nationen der ganzen Welt unterhielten im WTC Firmen. Ich selbst war vor einem Jahr als Tourist ganz oben im WTC. Wenn ich jetzt auf meine Fotos schaue, laeuft's mir kalt den Buckel runter...
Lese ich die Zeilen von Klaus Daerr's webpage, muss ich ihm teilweise zustimmen. Ich lebe nun drei Jahre in Kanada und habe mit vielen Amerikanern zu tun. Ich habe selten so viele Leute getroffen, die so wenig von der Welt ausserhalb den USA wissen, wie die Amerikaner. Dabei hat zudem ein Grossteil der Amerikaner einen "Superioritaets-Komplex", den manche Leute durchaus als Arroganz gegenueber anderen Laendern/Voelkern interpretieren. (Deutsche Touristen sind hierin aber auch nicht schlecht! Ich werde mal Geschichten veroeffentlichen, wie sich Deutsche im Ausland verhalten, wenn sie meinen, man spricht die Sprache nicht...)
Das Problem auf Israel/Palaestina zu reduzieren, halte ich aber fuer falsch.
Das eigentliche Problem ist, dass der Golfkrieg von 1991 nicht zu Ende gefuehrt wurde. Die Aliierten haetten damals Sadam Hussein stuerzten und humanitaere Aufbauarbeit im Irak und in der Region leisten sollen. Die Menschen im Irak und in der Islamischen Welt haetten so verstanden, dass der Westen nicht das "Boese" repraesentiert. Statt dessen hat man einem ganzen Volk den "Hahn" abgedreht und praktisch derselben Propaganda wie eh' und jeh' ueberlassen.
Mir ist es nach wie vor unbegreiflich, wie man kurz vor Bagdad stoppen konnte...
Aber halt: Mir klingen noch die Rufe - und besonders aus Deutschland - im Ohr: "Kein Blut fuer Oel" und "Amis raus aus dem Irak". Diese Leute bekommen jetzt die Quittung, was passiert, wenn man nur halbherzig an eine Sache rangeht.
Schaut man sich naemlich Bin Ladens Biographie mal an, stellt man fest, dass seine Gruppe erst 1991 nach dem Golfkrieg - und der war alles andere als ein Palestina/Israel Problem - so richtig aktiv wurde.
Nur leider ist die Situation jetzt anders. Man kann die Bin Laden Gruppe nur schwer mit einem "Krieg" im alten Sinne bekaempfen.
Ich fuerchte, was in den naechsten Wochen/Monaten folgt, ist sinnloses Geballer, mit unschuldigen Opfern, das hoffentlich zu nichts weltumspannendem fuerht.

Herbert

IP: Gespeichert

LD
Junior Member

Beiträge: 16
Registriert: Mär 2001

erstellt am: 22. September 2001 11:57     Sehen Sie sich das Profil von LD an!     Editieren oder löschen Sie diesen Beitrag! Reply w/Quote
Gefunden
2 interessante Kommentare zum Geschehen


Nach dem Terror
Da schweigen die Experten

Nach dem 11. September: Terror und heimlicher Antisemitismus

Andrei S. Markovits

Albert Speer über Adolf Hitler am 18. 11. 1947: "Ich erinnere mich, wie er sich in der Reichskanzlei Filme vom brennenden London, vom Feuermeer über Warschau, von explodierenden Geleitzügen vorführen ließ und welche Gier ihn dann jedesmal erfasste. Nie aber habe ich ihn so außer sich gesehen wie gegen Ende des Krieges, als er wie in einem Delirium sich und uns den Untergang New Yorks in Flammenstürmen ausmalte. Er beschrieb, wie sich die Wolkenkratzer in riesige, brennende Fackeln verwandelten, wie sie durcheinander stürzten, wie der Widerschein der berstenden Stadt am dunklen Himmel stand, und meinte, wie aus einer Ekstase zurückfindend, Saur solle den Entwurf Messerschmidts für einen vierstrahligen Fernbomber sofort in die Wirklichkeit umsetzen. Mit seiner Reichweite könnten wir in Amerika tausendfache Vergeltung für den Untergang unserer Städte üben ..." (Albert Speer, Spandauer Tagebücher, 2. Auflage Berlin 1993, S. 126/127).

Zum Thema
Online Spezial:Terror gegen Amerika
Umfrage:Haben Sie Angst vor den Folgen des Attentats?
Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern
Fahndung: Der Stand der Ermittlungen
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige
Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Nun ist Hitlers Wunschtraum, zwar ein halbes Jahrhundert verspätet, doch noch - zumindest teilweise - in Erfüllung gegangen. Diese Passage ging mir als erste durch den Kopf, als ich am Morgen des 11. September die Schreckensszenen aus New York und etwas später auch aus Washington und dem westlichen Pennsylvania auf dem Fernsehschirm mit ansehen musste.

Für mich war klar, dass es - im Falle New Yorks und des World Trade Centers im Besonderen - eindeutige und stringente Verbindungen gab zwischen Hitlers Wunschvorstellung und dem wichtigsten Motiv der mutmaßlichen Täter. Denn selbst wenn es sich nicht um fanatische Selbstmordbomber aus der arabischen Welt gehandelt hätte, wie es sich manche Deutsche bis zum unwiderlegbaren Beweis wünschten, sondern "nur" um einheimische Rechtsradikale à la Timothy McVeigh, wären auch bei diesen die Motive sehr ähnliche gewesen. Das haben uns ihre mörderischen Attentate in Oklahoma City und anderswo gezeigt. Es geht um die Zerstörung eines verjudeten Amerikas, für das New York City das Beispiel schlechthin ist: das verhasste Zentrum des Weltkapitalismus und des globalen Finanzwesens, allen voran die "jüdische" Wall Street.

Mit der Zerstörung New Yorks und Washingtons hätte man dem ZOG (Zionist Occupied Government), der "von Zionisten besetzten Regierung", wie einschlägige rechtsradikale Kreise hierzulande die Administration und ihre Institutionen nennen, eine willkommene Niederlage beschert. Dass diese "faith based terrorists" (um Tony Judts zutreffenden Ausdruck zu verwenden) der amerikanischen Rechten sehr viel mit dem Weltbild Hitlers und dem der arabischen Extremisten zu tun haben, wurde kaum erwähnt - jedenfalls nicht in Amerika und, soweit ich das bei meinen sporadischen Einblicken in die deutschen Medien mitbekommen habe, auch nicht in der Bundesrepublik.

Die Mehrheit der Islamwissenschaftler, die in den USA wie in Deutschland jetzt zu Recht als Experten von den Medien herangezogen werden, um der Öffentlichkeit irgendeine Erklärung für diese Schandtat zu geben, betonen immer wieder, was für eine friedliebende und tolerante Religion der Islam sei. Wird nachgefragt, wie die Terroristen und ihr Milieu dann ihre Taten mit dem Islam rechtfertigen können, ist meistens eine Kombination von zwei Faktoren zu hören: Erstens handele es sich um eine Perversion des Islam in einer verschwindend kleinen Gruppe, die sowohl für den Islam als auch für die arabische Welt völlig unrepräsentativ sei. Zweitens müsse man den politischen Hintergrund der Tat doch analytisch nachvollziehen, auch wenn dieser Gewaltakt selbstverständlich normativ zu verurteilen sei: Der Terror und der Jubel in vielen Ländern der islamischen und arabischen Welt darüber seien die Reaktion auf die verfehlte Politik des Westens (allen voran der USA), auf die Globalisierung und die allgemeine Benachteiligung der armen südlichen Länder gegenüber dem reichen Norden.

Nun bin ich kein Islam-Experte. Aber ich habe mich mit dieser Religion in meiner Studentenzeit an der Columbia University und durch mein allgemeines Interesse an Geschichte, unter anderem auch der des Osmanischen Reiches, hinreichend kundig gemacht, um die Meinung der Islam-Wissenschaftler nachzuvollziehen, dass der Islam "an sich" große Räume der Toleranz bietet. Und dass er in seiner Praxis, zumindest historisch gesehen, anderen Religionen mit Staatsmacht, wie etwa dem Christentum in all seinen Versionen um vieles voraus war. (Das Judentum schließe ich hier aus, weil es zwischen den Jahren 70 unserer Zeitrechnung bis 1948 keine Staatsmacht besaß; dies ist ja nach der Ansicht solch brillanter Köpfe wie Michael Walzer einer der Hauptgründe, warum der Staat Israel solche Fehler in seiner gegenwärtigen Politik begeht.)

Der ganze Erklärungsansatz zum Verhältnis von Islam und Terror greift viel zu kurz. Er gleicht einer Analyse des Christentums ohne Kreuzzüge, ohne Pogrome, ohne Glaubenskriege - also der Beschreibung eines idealen Urzustandes, den es im real existierenden Christentum lange nicht gab. Es gibt ihn aber zumindest annäherungsweise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, seit den Reformen unter Papst Johannes XXIII. sehr wohl im Katholizismus und auch in den meisten anderen christlichen Religionen, bis auf wenige Ausnahmen. Keiner der Islam-Experten, die ich seit dem 11. September in Amerika gehört oder deren Äußerungen in Deutschland ich gelesen habe - eingeschlossen das, was mir viele deutsche Freunde berichten - hat den Judenhass erwähnt, der weit über die Aversion gegen Israel hinaus reicht und im modernen Islam, besonders dem arabischen, verbreitet ist.

Hetztiraden in Moscheen

Kein Wort von der Hitlerliebe des Muftis von Jerusalem; kein Wort, dass Nazi-Schergen wie Alois Brunner bis heute politisches Asyl in der arabischen Welt (in diesem Fall Syrien) genießen; kein Wort, dass Gamal Abdel Nasser deutsche Raketenbauer anstellte, um Israel zu vernichten; kein Wort, dass die arabischen Länder zu den größten Herstellern antisemitischer Literatur avanciert sind; kein Wort, dass seit Jahren "Stürmer"-ähnliche Karikaturen über Juden in etablierten arabischen Zeitungen wie der Kairoer "Al Ahram" gang und gäbe sind; kein Wort, dass die Predigten in vielen Moscheen in den letzten Jahren zu mörderischen anti-jüdischen Hetztiraden degradiert sind; kein Wort, dass bei der Antirassismus-Konferenz der UN in Durban die alte antisemitische Fälschung des zaristischen Geheimdienstes "Die Protokolle der Weisen von Zion" offen dem anwesenden Publikum angeboten wurde - und das laut glaubhaften Berichten mit Erfolg. Darüber wird vornehm geschwiegen.

So wird die Hauptschuld für diesen mörderischen Angriff auf New York und Washington D.C. letztendlich der verfehlten Welt- und Entwicklungspolitik der USA zugeschrieben. Wenn dies so wäre, dann muss man erklären, warum die Attentäter nicht aus armen Ländern wie Indien oder Nigeria kamen. Oder, was die Islam-Experten auch nicht erklären, warum nicht aus islamischen Ländern wie Bangladesh, Indonesien (das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt) oder Malaysia.

Warum wird fast nirgends der wichtige Erklärungsfaktor erwähnt, auf den der zweifache Pulitzer-Preisträger und New-York-Times-Journalist Thomas Friedman hingewiesen hat, der zwar kein Islam-Wissenschaftler ist, aber ein hervorragender Kenner des Nahen Ostens: In keinem einzigen arabischen Land gibt es auch nur annähernd eine demokratische Regierung. Die arabische Welt en bloc (wohlgemerkt: nicht die muslimische) ist die undemokratischste Region dieser Erde - mit noch weniger Demokratieansätzen als in Schwarzafrika.

Die deutsche Reaktion auf die Katastrophe war wirklich beeindruckend - einerseits. Kein anderer Staatsmann, vielleicht mit Ausnahme Tony Blairs, hielt eine so bewegende und mit den Opfern solidarische Rede wie Gerhard Schröder. Die vielen - oft auch spontanen - Aktionen landauf und landab, wie zum Beispiel die fünf-minütige bundesweite Arbeitsniederlegung auf Grund einer gemeinsamen Vereinbarung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern und die große Demonstration in Berlin am vorigen Freitag sind in Amerika dankbar aufgenommen worden. Ich möchte mich auch für die vielen E-mails der Anteilnahme und Besorgnis von deutschen Kolleginnen und Kollegen bedanken. So ging es vielen in den USA.

Andererseits verrieten mir regelmäßige Blicke ins Internet nach dem 11. September, dass unter diesem offiziell solidarischen und mitfühlenden Deutschland ein ganz anderes Deutschland floriert. Dafür muss man nicht die Web-Seite von Horst Mahler besuchen. Dafür genügen die Meinungs- und Feuilleton-Seiten einiger Tageszeitungen, von der "taz" bis zur "FAZ". Dort waren Artikel der verschiedensten Autoren mit folgender mehr oder weniger verhüllten Meinung zu lesen: Die eigentlichen Urheber sitzen in Amerika - wegen der verfehlten Weltpolitik der USA; und insofern gehören dazu auch die amerikanischen Opfer selbst durch ihre Existenz als Amerikaner. Jetzt komme es vor allem darauf an, die rachsüchtigen Amerikaner, die "alttestamentarisch" (sprich: jüdisch) denken, von ihrem Vergeltungsschlag abzuhalten. Und das müssten die Europäer und speziell die Deutschen mit der ihnen eigenen christlichen Nächstenliebe leisten. Das las sich sozusagen wie eine lange überfällige Rückzahlung für Dresden und Hiroschima. Und zwischen den Zeilen konnte man mitunter auch noch den Verdacht finden, dass diese Schandtat womöglich eine selbst inszenierte Katastrophe war, oder zumindest durch mangelnde Aufklärung mit verschuldet wie Pearl Harbor.

Und sehr bald wurde leider auch wieder ersichtlich, wie sehr sich die deutsche Linke und die deutsche Rechte ideologisch und normativ ähneln, wenn es um Amerika und - natürlich indirekt - um Juden geht. Für die Rechte ist Amerika so sehr verhasst, dass sie sogar ihren ansonsten nie verheimlichten Rassismus Arabern und Muslimen (in Deutschland meistens Türken) gegenüber in den Hintergrund stellte, um auf die Amerikaner und natürlich die Juden loszuschlagen.

Natan Sznaider hat natürlich Recht, wenn er sagt, dass der Antiamerikanismus schon immer die vornehmere Form des Antisemitismus in Deutschland und Europa war. Für viele nicht nur an den extremen Rändern des politischen Spektrums angesiedelte Deutsche ist der Gedanke schlicht illegitim und unakzeptabel, dass Amerikaner auch Opfer sein können.

Aber es geht ja noch um etwas ganz anderes: Der Angriff und Hass auf Amerika eines Adolf Hitler, der Terrroristen, der amerikanischen Rechten à la McVeigh, der deutschen Linken wie auch der deutschen Rechten entstehen nicht allein, weil Amerika - besonders New York - die Hauptstadt des globalen Kapitalismus ist. Die Aversion kommt auch daher, dass die Vereinigten Staaten - wiederum insbesondere New York - das größte Experiment einer real existierenden multikulturellen Gesellschaft darstellen. Und die lehnt jeder der von mir genannten Feinde der USA aus jeweils eigenen Gründen scharf ab.

Im World Trade Center starben Bürger von 62 Staaten und US-Amerikaner jeder erdenklichen Religion, Ethnie und Hautfarbe. Dies wäre andernorts undenkbar. In New York, wie auch in Los Angeles, ist ein solcher Multikulturalismus in den letzten zehn bis 15 Jahren zum Alltag geworden. Der potenzielle Erfolg beim Zustandekommen einer wahrlich multikulturellen Gesellschaft ist für die Feinde der USA mindestens ein so rotes Tuch wie Amerikas Führerschaft im Kapitalismus.

In den Vereinigten Staaten selbst kann man einige wichtige Entwicklungen beobachten, die zumindest in meinen Augen äußerst positiv sind. Zuallererst ist es auffällig, wie sehr - sofort nach einigen vereinzelten rassistischen Ausschreitungen gegen arabische (oder arabisch aussehende) Bürger - alle verantwortlichen Instanzen diese Taten mit den schärfsten Worten verurteilten. Ob dies nun Universitätspräsidenten taten oder die lokalen und nationalen Medien - überall hört und liest man andauernd, dass alle arabischen Bürger der Vereinigten Staaten volle Amerikaner sind, die mit dieser Schandtat nichts zu tun haben, ja sogar unter ihr vielleicht mehr leiden als andere Amerikaner.

Ich lebe in der Detroiter Gegend, wo es die größte Konzentration arabischer Bürger im Lande gibt. Hier wird diese Haltung tagtäglich in allen nur erdenklichen Foren verkündet. Ich habe in einem früheren Essay im Tagesspiegel die große zivilisatorische Bedeutung von "political correctness" mit einem Beispiel untermauert, in dem ich Präsident Bushs Besuch in einer schwarzen Gemeinde am Geburtstag Martin Luther Kings lobte. In diesem Kontext muss auch die Integration eines Imams in der National Cathedral zu Washington bei der Feier für die Opfer des Terroranschlages im Beisein der gesamten politischen Elite des Landes (darunter alle lebenden Ex-Präsidenten außer Ronald Reagan) gesehen werden.

Coming out der US-Araber

Ich würde so weit gehen, zu sagen: Die Katastrophe und diese Reaktionen darauf signalisieren den längst überfälligen Beginn des sozialen und politischen "coming out" unserer arabischen Bürger in die amerikanische Öffentlichkeit. Ich kannte bereits einige Reformsynagogen in linken Universitätsstädten, die zu den hohen jüdischen Feiertagen regelmäßig Geistliche anderer Religionen - auch des Islam - einluden. Aber dass dies zum eben abgeschlossenen Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, in vielen "normalen" jüdischen Synagogen praktiziert wurde, ist schon beeindruckend. Plötzlich merken viele anti-etatistische Amerikaner, allen voran Republikaner wie George W. Bush, dass man den Staat nicht nur nolens volens dulden muss, sondern ihn sogar bitter benötigt und ihn unterstützen soll.

Nur der Bundesstaat kann die darbenden und durch diese Katastrophe noch stärker geschädigten Luftfahrtgesellschaften über Wasser halten. Und nur der Bund kann der immer schwächer werdenden Wirtschaft kurzfristig unter die Arme greifen, genau wie nur er es sein kann, der endlich auch in den USA - wie in den meisten europäischen Ländern - qualifiziertes und gut bezahltes Sicherheitspersonal in allen Flughäfen des Landes anstellen sollte und nicht die derzeitigen, völlig unqualifizierten Arbeitskräfte, die noch schlechter als billige McJobs entlohnt werden und daher ständig rotieren.

Auch außenpolitisch gibt es interessante Entwicklungen. Ich persönlich hoffe sehr, dass es zu keinem unüberlegten Luftangriff der USA gegen Afghanistan kommen wird, dem nur unschuldige Menschen zum Opfer fielen, keineswegs aber die Mitglieder von Osama bin Ladens Al Qaida, geschweige denn er selbst. Die Taliban würden durch Bombenangriffe kaum geschwächt. Ich hoffe, dass es stattdessen zu einer wirklich innovativ koordinierten weltweiten Kampagne gegen den Terrorismus kommt, bei der Militäraktionen nur eine von vielen sind.

Interessant und weiterer Beobachtung wert sind darüber hinaus politische Entwicklungen, wie zum Beispiel die Allianz zwischen den zwei bevölkerungsreichsten Demokratien der Welt: Indien und den USA. Sie hat bereits vor dem Terroristenanschlag begonnen. Zudem gibt es eine wichtige Annäherung zwischen Amerika und dem Iran. Schließlich könnte es vielleicht doch noch zu einer Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern durch diese Katharsis kommen. Niemand kann die langzeitigen internationalen Entwicklungen dieses epochalen Ereignisses voraussehen. Nur eines ist sicher: Der 11. September 2001 wird als ein Tag in die Geschichte eingehen, der die Vereinigten Staaten völlig verändert hat.
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Demokratie mit Feindbild

Der internationale Terrorismus ist sehr diffus - daher benötigen die USA bin Laden als das personifizierte Böse

Dieter Thomä

Die Anschläge vom 11. September haben Tod und Leid über Amerika gebracht, und sie haben das Selbstgefühl dieses Landes, seine kollektive Identität erschüttert. Für die Zukunft ist die Antwort auf drei Fragen bedeutsam: Worin besteht diese "Identität" Amerikas? Wie wurde sie verletzt? Wie gehen die USA mit dieser Wunde um?

Die Hauptmerkmale der amerikanischen Identität sind Individualismus und Patriotismus. Amerikaner sind "born to be wild" und sollen machen dürfen, was sie wollen. Das heißt: Jeder ist für sich und seine Taten verantwortlich. Diese Selbstverantwortung steht hinter der Feier des self-made man, aber auch hinter der Dramatisierung der Täterschaft, wie sie ihre Zuspitzung im Ritual der Todesstrafe findet. Der eigentliche Erfolg dieses Landes besteht darin, aus der Ansammlung von Individualisten eine Gesellschaft geformt zu haben, die um ihr Wir-Gefühl nie verlegen ist. Mögen Amerikaner auch damit beschäftigt sein, ihr eigenes Glück zu schmieden, so pflegen sie doch seit jeher den Patriotismus, den Stolz auf ihr gelobtes Land. Als kollektives Bindemittel für das Wir-Gefühl dienen Symbole, in denen die Prinzipien "Leben, Freiheit und der Verfolg des Glücks", wie es in der Unabhängigkeitserklärung 1776 hieß, für jeden fassbar werden: Symbole wie die Flagge, die Freiheitsstatue, der Ford Mustang, das World Trade Center.

Was nun die Verletzung dieser Identität anbelangt, so besteht die zusätzliche Infamie der Angriffe darin, dass kollektive Symbole Amerikas zerstört worden sind. Und gestört wurde auch die Logik individueller Verantwortung, von der das amerikanische Leben getragen ist. Diejenigen nämlich, die im strikten Sinne als Täter anzusehen sind, haben sich bei ihren Taten selbst getötet. Damit genau ist das Ritual von Schuld, Verantwortung und Vergeltung erschwert, das in Amerika bei solchen Gelegenheiten ausgeführt wird - zuletzt bei der Hinrichtung Timothy McVeighs, des Attentäters von Oklahoma. Es hat sich eingebürgert, die Attentäter "feige" zu nennen, wogegen die amerikanische Publizistin Susan Sontag jetzt eingewandt hat, es gehöre immerhin einiger "Mut" dazu, sein eigenes Leben zu opfern. Die "Feigheit", die hier gemeint ist, besteht aber darin, sich durch Selbstmord der Verfolgung zu entziehen.

Nun gehört zur Suche nach Verantwortlichen immer auch die Suche nach Hintermännern und Fadenziehern, und auch hier hat die amerikanische Politik die Ursache der Gefahren immer gerne individualisiert: Das Reich des Bösen hatte meist einen Vorsitzenden, ob er nun Castro, Ghaddafi oder Hussein hieß. Dass das Bild der Welt damit auf fahrlässige Weise vereinfacht wurde, hat man in Amerika begeistert zur Kenntnis genommen. Heute nun scheint mangels des Zugriffs auf direkt Verantwortliche die Festlegung auf den Feind im Hintergrund besonders dringend zu sein.

Wie soll Amerika nun mit dieser Wunde umgehen? Schon in den ersten Stunden nach dem Attentat versuchte man, für den Vergeltungsschlag eine Adresse zu benennen. Bushs Western-Parole lautete: Wanted - dead or alive. In seiner Kongress-Rede vom Donnerstag folgte er der Feindbild-Logik, zeigte zugleich aber - eher unfreiwillig - ihre Grenzen auf. Echte Belege für die Täterschaft blieb er schuldig, doch ungeachtet dessen brachte er die Logik von Feind, Feindbild und Verantwortung ins Rollen: Von den Attentätern gelangte er zu Osama bin Laden, von ihm zu den Taliban und schließlich zu der "Nation", die ihn beherbergt und sich so insgesamt zum "Feind" Amerikas macht. Doch ist diese Verantwortungs-Kette, bei der am Ende jeder Bürger Afghanistans mitgefangen, mitgehangen sein könnte, nicht arg dünn? Sie ähnelt sogar der These von bin Laden, wonach jeder US-Bürger, der mit seinen Steuern Aktionen gegen die arabische Welt finanziere, den Tod verdient habe.

Bushs Antwort auf die Frage "Wer hat unser Land angegriffen?" lautete wörtlich: "Alle Hinweise weisen auf eine Ansammlung locker verbundener terroristischer Organisationen namens Al Qaida". Wie bitte? Mit der Verwendung des Wortes "locker" hat er am Ende ungewollt seine eigene Verantwortungs-Logik in Zweifel gezogen. Ihr muss man eine schmerzliche Einsicht entgegenhalten: Wer nicht wahllos töten will, darf sich nicht an leicht verschiebbare und vergrößerbare Feindbilder halten. Stattdessen geht es um die Suche nach echten Schuldigen und auch um die präzise Einschätzung der verworrenen Lage in den islamischen Ländern. George Bush hat die Devise ausgegeben: "Wir kämpfen für unsere Prinzipien, und unsere erste Verantwortung ist es, unser Leben an ihnen auszurichten." Das Prinzip des Feindbilds sollte dabei nicht gemeint sein.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen. Zuletzt veröffentlichte er: "Unter Amerikanern. Eine

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Garbereder
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Beiträge: 28
Registriert: Mär 2001

erstellt am: 22. September 2001 16:44     Sehen Sie sich das Profil von Garbereder an!   Senden Sie Garbereder eine eMail!     Editieren oder löschen Sie diesen Beitrag! Reply w/Quote
Ich bin mir nicht sicher, ob man Bin Laden wirklich der Drahtzieher ist. Und wenn ja, dann aber mit Sicherheit nicht allein. Alles was derzeit über das Netzwerk bekannt ist, deutet doch darauf hin, daß viel mehr, ja wenn nicht sogar ganze Regierungen dahinter stecken. Aber wie ausräuchern?
Ein Schlag gegen Afghanistan wird mit Sicherheit viele hunderte unschuldige mit hineinziehen, ist das die westliche Zivilisation?
Den chirugischen Militärschnitt gibt es nicht, das sollte allen nun klar geworden sein! Aber was sonst tun? Wie für mehr Sicherheit sorgen? Mit wem verhandeln, wenn sich die Täter noch nicht einmal dazu bekennen?
Zu RAF´s - Zeiten gab es einzelne Tote, dann kamen hunderte in Rußland durch Bomben um´s Leben, nun tausende, wann wird die Schwelle fünfstellig?
Eine düstere Zukunft, die nur durch wenige verblendete noch schwärzer wird!

Wünschenswert wäre aber, wenn ebensoviel Sendeminuten, nein Stunden, den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen und Geschlachte allein auf dem Afrikanischen Kontinent gewidmet werden würden.

In tiefer Trauer für die unschuldigen Opfer und in der Hoffnung auf Vernunft!

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LD
Junior Member

Beiträge: 16
Registriert: Mär 2001

erstellt am: 23. September 2001 11:35     Sehen Sie sich das Profil von LD an!     Editieren oder löschen Sie diesen Beitrag! Reply w/Quote
Hintergrundinfo zum besseren Verständnis des Islamismus (ein Artikel aus der NZZ von 1993)

Islamismus
Wie gefährlich ist der Islamismus?
Antiwestliche Rhetorik - Militanz in den islamischen Staaten
Von Arnold Hottinger*

Der Islamismus, das heisst die ideologisierte und politisierte Version des
Islams, die heute in Iran und im Sudan die Herrschaft ausübt und als
Oppositionsideologie in Algerien, Tunesien, Ägypten und anderen islamischen
Staaten eine Rolle spielt, polemisiert scharf gegen Europa und die Vereinigten
Staaten. Seine verbalen Angriffe können von Drohungen und von terroristischen
Anschlägen begleitet sein. Es ist aus diesem Grunde verständlich, wenn im Westen
der Islamismus, ja jede islamische Wiederbelebung, als eine gefährliche
Bedrohung erscheint.

Globaleinschätzungen «des Islams» als fundamentalistischer Bedrohung sind
gefährlich, weil sie den Zielen der Islamisten entgegenkommen. Sie akzeptieren
nämlich mehr oder weniger stillschweigend die Behauptung der islamistischen
Ideologen, nach welcher sie und ihre Anhänger den Islam schlechthin vertreten,
und sie nehmen auch insofern die Ideologie der Islamisten an, als sie
unterstellen, zwischen diesem «Islam» und «dem Westen» bestünden eine Art
Erbfeindschaft und eine Unvereinbarkeit, die sie unvermeidlich zu Todfeinden
abstempelten. Solches trifft jedoch nicht zu. Die Islamisten sind nur eine
kleine Gruppe innerhalb des Islams. Sie können allerdings unter gewissen
Umständen eine grössere Anhängerschaft mobilisieren, wie dies etwa die
Revolutionsjahre in Iran oder die Wahlen von 1991 in Algerien gezeigt haben.

Diese Umstände sind durch Unzufriedenheit mit der jeweiligen Regierung und den
unter ihr bestehenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen
gegeben. Die Unzufriedenheit mag mehr oder weniger gerechtfertigt sein, doch
praktisch in allen Fällen kann sie auf tatsächliche Missstände hinweisen. Ob ein
islamistisches Regime, falls es die Macht ergreifen sollte, dann wirklich besser
regiert als das von den Islamisten zu Fall gebrachte, ist eine ganz andere
Frage.

Kampf den eigenen Regierungen
Trotz seiner antiwestlichen Rhetorik richtet sich der Islamismus in der
politischen Praxis gegen die Regierungen im eigenen Land; sie möchte er
umstürzen. Die Argumente, die er dazu verwendet, sind freilich überwiegend
antiwestlicher Natur: Das angegriffene Regime wird als «Knecht des Westens»
bezeichnet (der Schah als «Knecht der Amerikaner»), als solches wird es von den
extremen Islamisten gerne als ein nicht wirklich islamisches, sondern als ein
Jahiliya-Regime eingestuft. Als Jahiliya, Zeit der Unwissenheit, wird im Islam
die Zeit vor dem Auftreten Mohammeds bezeichnet.

Man begegnet hier der schon erwähnten Tendenz, zentral für ihre Ideologie, nach
welcher die Islamisten die einzig wahren Muslime sein wollen und deshalb «den
Islam» schlechthin verträten. Natürlich ist es kein Zufall, dass die Islamisten
die Agitation gegen den Westen und gegen ihre eigenen, angeblich dem Westen
verfallenen Regierungen ins Zentrum ihrer Propaganda rücken. Sie sprechen damit
Ressentiments an, die heute in fast allen Gesellschaften der Dritten Welt,
besonders aber bei den nächsten islamischen und den arabischen Nachbarn Europas,
tief verwurzelt sind. Diese Ressentiments haben mit der Überlagerung durch
westliche Macht - militärisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell,
technologisch, ideologisch - zu tun, welche die nichteuropäischen Völker, die
islamischen vielleicht mehr als alle anderen Asiens, seit dem Beginn des 19.
Jahrhunderts erlitten haben und noch heute erleiden.

Ein Jahrhundert der Erfolglosigkeit
Diese Überlagerung, in jeder nahöstlichen Stadt sichtbar in der Trennung
zwischen «Medina» und «neuer Stadt», in der traditionellen und der
«europäischen» Kleidung ihrer Bewohner, war für viele annehmbar, solange
Hoffnung bestand, dass die westlichen Einflüsse ihrem Land schliesslich Ansehen
und Wohlstand bringen würden. Doch daran sind immer mehr Zweifel aufgekommen: in
der arabischen Welt seit der Niederlage im Sechstagekrieg; in Iran nach einer
langen Inkubationszeit recht plötzlich, als der Wirtschaftsboom der
vervielfachten Erdöleinnahmen von 1974 im Jahre 1978 zusammenbrach.

Dass der Weg der Verwestlichung, den die Eliten etwa im Osmanischen Reich und in
Ägypten schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angetreten hatten,
wirklich die gesamten nahöstlichen Gesellschaften auf eine dem Westen
vergleichbare Ebene heben könne, wurde immer unwahrscheinlicher.

Dieses Gleichziehen oder gar Übertreffen ist nicht nur eine politische und
wirtschaftliche Forderung, wie sie die Muslime im Interesse der eigenen
Freiheit, der kulturellen Eigenständigkeit und des Wohlstandes erheben, sie
hatte auch einen religiösen Aspekt. Die Muslime sind es auf Grund ihrer heiligen
Schriften und einer inzwischen über 1400 Jahre alten, weitgehend erfolgreichen
Geschichte sich selbst schuldig, dem Koranwort nachzuleben, das sie als «die
beste Gemeinschaft» bezeichnet (Koran 3/111, europ. Zählung 3/106). Wenn sie das
nicht vermögen, weil andere Gemeinschaften sich als offensichtlich stärker und
effizienter erweisen, muss etwas an der Ausübung ihrer Religion falsch sein.

Anfechtung des Lebens und des Glaubens
Solange dieser Widerspruch zwischen der tatsächlichen Lage und dem religiös
begründeten Anspruch fortbesteht, muss auch ein mehr oder minder diffuses
Missbehagen andauern. Dieses verschärft sich dann, wenn die Aussichten auf eine
echte Änderung der Verhältnisse gering scheinen, ja unglaubwürdig werden.

Der dringende Wunsch nach Veränderung der bestehenden Verhältnisse wird also
nicht nur getragen vom Bedürfnis nach einem besseren Leben in dieser Welt,
sondern beruht auch auf dem religiösen Auftrag, die Gemeinschaft der Muslime
wieder zur erfolgreichen, sichtbar von Gott gesegneten Gemeinschaft zu machen,
welche sie in der muslimischen Selbstsicht sein sollte.

Die islamistische Wende trat ein, als vielen Muslimen immer deutlicher wurde,
dass ihrer Gemeinschaft auf dem seit dem 19. Jahrhundert eingeschlagenen Weg
nicht der erhoffte und erwartete Erfolg beschieden war, sondern eher dessen
Gegenteil. Auf die Enttäuschung über die mangelhaften, ja kontraproduktiven
Resultate des Bemühens um Verwestlichung folgte eine Reaktion, die längst von
kleineren Gruppen vorbereitet worden war. Die Muslimbrüder predigten eine
islamistische Lehre in Ägypten schon seit 1928, seit den dreissiger Jahren im
ganzen arabischen Raum; Mawdoodi tat dies in Pakistan seit der Staatsgründung
von 1947.

Eine Gefahr für die Muslime
Diese Lehre besagt: Ohne Rückkehr zu einem ernstgenommenen, unter Zurückweisung
aller nichtislamischen Entwicklungen und Vorstellungen gelebten Islam wird es
kein Heil für die Muslime geben. Oder, positiv ausgedrückt: das Heil ist gewiss,
wenn die Muslime nur ganz genau den islamischen Gesetzen und dem islamischen
Ethos nachleben, auch im staatlichen Bereich, den der Islam nicht vom
geistlichen abtrennen will und kann.

Gefährlich ist eine solche Lehre in erster Linie für die in der Praxis
weitgehend «verwestlichten» Regierungen und Oberschichten der Staaten, in denen
sie um sich greift. Sie zielt zunächst auf Machtergreifung im eigenen
Innenbereich, der als durch westliche Einflüsse korrumpiert angesehen wird.

Als Oppositionsideologie ist der Islamismus in der Tat im eigenen islamischen
Bereich mächtig, weil seine Lehren auf seit Generationen immer anwachsende
Frustrationen eingehen und deren Ursachen zu beseitigen versprechen. Doch muss
auch gesehen werden, dass die islamistische Ideologie in der Opposition Dinge
verspricht, die sie, wäre sie an der Macht, schwerlich würde einlösen können.
Die Unterlegenheit und damit Ausbeutbarkeit der islamischen Länder ist durch
Sachzwänge gegeben, die sich durch die blosse Annahme einer ideologischen Lehre
(die sich selbst als «den Islam» ausgeben möchte) kaum verändern werden.

Die Islamisten betonen, dass ihre Lehre die Menschen verändern werde und dass
diese veränderten Menschen dann auch ihre Umwelt anders anzupacken vermöchten.
Auch dafür gibt es einen Koranvers (13/12): «Gott ändert nicht die Lage eines
Volkes, solange sie nicht ändern, was in ihrem Herzen ist; und wenn Gott einem
Volk Böses will, gibt es keine Wehr dagegen, und sie haben ausser Ihm keinen
Helfer.»

Bisher ist freilich nicht viel von einer solchen inneren Umkehr zu erkennen,
weder in Iran noch im Sudan, noch in Pakistan, wo ebenfalls Versuche gemacht
werden, einen islamistisch verstandenen islamischen Staat einzuführen.

Der formale Islam der Scharia
Es dürfte in der Tat schwierig sein, eine wirkliche Veränderung in «den Herzen
der Menschen» herbeizuführen, solange die Islamisten daran festhalten, dass der
Islam gleichzusetzen sei mit dem Gottesgesetz der Scharia, so wie es von den
Gottesgelehrten im Frühmittelalter, entsprechend dem damaligen Verständnis der
islamischen Texte und Überlieferungen, formuliert worden war. Dieses
Gottesgesetz mit all seinen nicht zur heutigen Zeit passenden Einzelheiten (im
Prinzip lässt es sogar die Sklaverei gelten, obwohl es die Freilassung von
Sklaven als gute Handlung empfiehlt) zwingt zu einem starken Formalismus; das
heisst zur formalen Erfüllung von fein ausgearbeiteten Detailvorschriften aus
einer längst vergangenen Zeit, die schwerlich die Herzen verändern und das
Verhalten der Menschen so beeinflussen wird, dass sie der Aufgabe nachkommen
können, die ihnen heute gestellt ist. Diese bestünde darin, in der Gegenwart
einen Rang zu erlangen, der sie zu angesehenen, massgeblichen Teilhabern an der
heutigen Weltordnung erhebe.

Die Islamisten machen vielmehr den Eindruck von Leuten, die sich auf ein Wunder
Gottes verlassen möchten, von dem sie glauben, es müsse sich einstellen, wenn
sie nur streng und genau genug die Gesetze der Scharia erfüllten. Solange sie
jedoch nicht in der Lage sind, diese Scharia zu hinterfragen und die Grundtexte,
aus denen sie zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert abgeleitet worden war, mit
neuen, heutigen Augen zu lesen, wird sich der erwartete Wandel nicht einstellen.
Viel eher wird sich verstärken, was sich heute bereits in den von Islamisten
regierten Staaten abzeichnet: Streit darüber, welches nun die wirklich
islamischen Lösungen vieler durch die moderne Welt gestellter Probleme seien,
vom Aufbau einer «islamischen» Universität zur «islamischen» Aussen- oder
Minderheitenpolitik, von den «islamischen» Menschenrechten bis zu den Rechten
der «islamischen» Frau, den Fragen einer «islamischen» Wirtschaftsordnung mit
vielen Unterkapiteln, wie dem einer «islamischen» Landreform, eines
«islamischen» Aussenhandels, «islamischer» Geldgeschäfte und anderem mehr. Wobei
der immer wieder versuchte Rückgriff auf die frühmittelalterliche Ordnung der
Scharia in vielen Fällen eine zeitgemässe Lösung verbietet.

Schwächung statt Stärkung
Man kann aus der bisher deutlich gewordenen Lage schliessen: Der Islamismus
schwächt die Regierungen der Länder, wo er aktiv wird. In der Opposition erweist
er sich als eine sehr wirksame Gegenideologie, die den bestehenden Staat
erschüttert; an die Macht gelangt, verhindert er, dass für Gegenwartsprobleme
die für die Gegenwart geeignete Lösung gefunden werde. Der Islamismus beraubt
sich selbst der Möglichkeit, auf die heutigen Fragestellungen heutige Antworten
zu finden. Er kann dies nicht, weil er sich an die ehrwürdige, aber zu anderen
Zeiten entstandene und an jene Zeiten gebundene Rechtskonstruktion des
Gottesgesetzes halten zu müssen glaubt. Die Begriffe «Gottes-» oder
«Religionsgesetz», mit denen wir «Scharia» oft übersetzen, sind unangemessen,
weil sie den Umstand verschweigen, dessen jeder muslimische Gelehrte sich
bewusst sein dürfte, dass dieses Gottesgesetz nämlich von Menschen formuliert
wurde, den Gottesgelehrten des frühen Islams, die ihr damaliges Verständnis der
heiligen Texte und Überlieferungen einbrachten.

Nimmt man Gleichsetzung von «Islam» mit «Scharia» an, sind alle Handlungen der
Menschen in den fünf Kategorien: erlaubt, empfohlen, gleichgültig, abzuraten,
verboten, sehr genau klassifiziert. Und diese Regeln geniessen das Prestige
einer Abstützung auf die heiligen Schriften und eine lange und grosse
Vergangenheit. Aus diesem Grunde fällt es den Islamisten in der Opposition
leicht, ihren Gefolgsleuten und sich selbst zu versichern, dass sie genau
wüssten, was falsch und was richtig sei.

Bewährungsprobe der Macht
Sobald Islamisten jedoch an die Macht gelangen, wird die unbedingte Hinnahme der
Scharia als «Rechtleitung» zur Schwäche. In manchen Fällen sind sie gezwungen,
formale Ausflüchte zu finden, um das Religionsgesetz zu umgehen und ihm doch pro
forma Folge zu leisten. In anderen bindet das Gottesgesetz das Leben der
Familien und der Gesellschaften sowie auch ihren geistigen Horizont in
verhärtete Strukturen ein, die es den Islamisten und der von ihnen beherrschten
Bevölkerung nicht erlauben, ein modernes Staatswesen aufzubauen.

Wie Iran zeigt, können islamistische Machthaber eine Scheindemokratie zulassen.
Sie sehen sich jedoch offenbar nicht in der Lage, die Politik tatsächlich für
Oppositionsströmungen zu öffnen, die sie als «unislamisch» ansehen. Sie glauben
Opposition gegen «den Islam» (so wie sie ihn verstehen) verbieten zu müssen,
oder sie fürchten ganz einfach, andere politische Richtungen könnten ihre Macht,
die sie naiv als die Macht «des Islams» auffassen, untergraben und damit «den
Islam» zu Fall bringen. Für das Informationswesen, ja für das gesamte
Geistesleben, gelten ähnlich enge Grenzen. Solange die Scharia als «der Islam»
aufgefasst wird und daher uneingeschränkt und konkurrenzlos herrschen muss, kann
es keine Gedankenfreiheit geben. Doch all dies sind, um es zu wiederholen,
Gefahren, die der Islamismus für seine eigenen Staaten darstellt, nicht für die
Aussenwelt.

Ablenkung frustrierter Energie nach aussen?
Man kann sich allerdings Situationen vorstellen, in denen ein solcher
«Scharia-Staat» gerade darum nach aussen hin gefährlich werden könnte, weil er
im Inneren keinen Erfolg hat. Iran hat schon einmal einen äusseren Krieg, jenen,
den der Irak 1980 begonnen hatte, ausgenützt und dann länger als nötig
weitergeführt, weil die Machthaber sich davon eine Einigung des Landes und einen
Durchbruch nach aussen erhofften, der dann aber nicht eintrat.

Die Versuchung, durch äussere Abenteuer von innerer Unzufriedenheit über nicht
endende Missstände abzulenken, besteht wohl immer. Sie wächst, je deutlicher den
Herrschenden wird, dass sie das versprochene Ziel einer mächtigen, wohlhabenden
und angesehenen Nation nicht erreichen. Solche Ablenkungsaktivitäten könnten
leicht die Form von Terroraktionen annehmen, die sich gegen den westlichen Feind
und Rivalen richteten. Beim Anschlag gegen das World Trade Center in New York im
Februar 1993 scheint etwas Derartiges versucht worden zu sein.

Wenn die inneren Spannungen wachsen, besteht die Gefahr, dass ähnliche Aktionen
staatsterroristischer Art weiter zunehmen oder dass gar irgendwelche
kriegerischen Abenteuer gesucht werden. Wahrscheinlich wird dies mehr im lokalen
Umfeld der betreffenden Staaten geschehen, für Iran etwa im Raum des Golfes, für
den Sudan Richtung Ägypten. Bis heute fehlen die militärischen Mittel, um auf
grössere Distanz aktiv zu werden. Das Nichteingreifen der muslimischen und der
islamistischen Staaten in Bosnien bestätigt, dass die Führungen sich dieser
Beschränkungen bewusst sind.

Die europäischen Muslime als Zielscheibe
Freilich scheint Iran, ein Staat mit einem beachtlichen Erdöleinkommen,
gegenwärtig bemüht, auf dem Waffenbasar der ehemaligen Sowjetunion und in
Nordkorea einzukaufen. In dieser Hinsicht ist also gewiss Wachsamkeit geboten
und eine Kontrolle aller Technologieexporte mit Bewaffnungspotential notwendig.

Der Umstand, dass in Europa und den Vereinigten Staaten gegen 12 Millionen
muslimischer Gastarbeiter leben und weiter leben werden, bringt ebenfalls einige
Gefahren mit sich. Nur ein geringer Teil dieser Gastarbeiter sind Islamisten.
Doch diese Zahlen könnten rasch zunehmen, wenn der europäische Umgang mit den
Fremdarbeitern falsche Wege geht. Jede Ungerechtigkeit, der sie sich wehrlos
ausgesetzt sehen, wird sie in die Lager der Islamisten treiben. So klein deren
gegenwärtige Grüppchen sein mögen, stellen sie doch Auffangpositionen dar, in
die die meisten Muslime Europas einlaufen dürften, die sich in der
industrialisierten Welt schlecht oder ungerecht behandelt vorkommen. Auch in
Europa gilt, was die Stärke der islamistischen Oppositionen im Nahen Osten
ausmacht: Je schlechter es der muslimischen Bevölkerung objektiv geht und je
aussichtsloser ihnen ihr europäisches Dasein subjektiv erscheint, desto leichter
werden sie Beute der islamistischen Verlockungen.

Die meisten Sicherheitsdienste der Industriestaaten dürften noch nicht
ausgerüstet sein, um verlässlich zwischen harmlosen Gastarbeitern und
Angehörigen aktivistischer Islamistengruppen zu unterscheiden. Auch in dieser
Hinsicht sind die Ereignisse von New York instruktiv. Die ägyptischen Dienste
hatten die amerikanischen gewarnt, dass der inzwischen berühmte blinde
Geistliche Omar Abderrahman ein gefährlicher Aktivist sei. Doch die
amerikanischen Dienste konnten ihn auf ihrem Computer nicht finden, bis das
World Trade Center in die Luft flog. Weder der Computer noch die ihn bedienenden
Beamten wussten, dass man den Namen Umar Abdul-Rahman auf vierzig verschiedene
Arten aus der arabischen in die lateinische Schrift umschreiben kann, die alle
als «richtig» gelten können. Die ägyptischen Warner hatten eine Umschreibung
verwendet; im Computer war eine andere gespeichert.

Ideen durch Ideen bekämpfen
Soweit sich für Europa und für die Vereinigten Staaten Gefahren ergeben, ist
ihnen in erster Linie dadurch zu begegnen, dass die intellektuellen und
organisatorischen Mechanismen wirklich verstanden werden, welche die Islamisten
bewegen. Wirksame Gegenaktionen können nur an diesem Punkt einsetzen, weil
Ideen, auch realitätsverzerrende, nur durch Ideen bekämpft werden können.

Soweit der Islamismus eine Bedrohung der bestehenden Regime und Interessen in
der islamischen Welt darstellt (und damit indirekt natürlich auch die
benachbarte westliche Welt in Mitleidenschaft zieht), kann er nur wirksam
bekämpft werden, wenn die bestehenden Unruheherde gelöscht und die vorliegenden
Missstände möglichst behoben werden. Dies ist der Preis, der für die Überwindung
der islamistischen Ideologie im islamischen Raum zu entrichten wäre.

Neue Zürcher Zeitung vom 24. Juli 1993
* Der Autor ist ehemaliger NZZ-Nahostkorrespondent.

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LD
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erstellt am: 25. September 2001 15:49     Sehen Sie sich das Profil von LD an!     Editieren oder löschen Sie diesen Beitrag! Reply w/Quote

eine interessante Info aus Finanzkreisen


Das Ende der alten Weltordnung!

Die geopolitische Komponente nach den Vorfällen in New York und Washington gewinnt gegenüberden unmittelbaren militärischen Aktionen der Amerikaner an Gewicht. Das ergibt sich sowohl aus den Stellungnahmen sehr vieler Regierungen der Region Nahost als auch aus den Betrachtungen/Analysen
von Sachkennern ohne Regierungsfunktion.

Erstaunlich ist dagegen, wie weit die westeuropäischen Regierungen
von diesem Thema noch entfernt sind. Alle Moslem-Staaten sind im Grunde gegen jede Präsenz der Amerikaner in den sogenannten „heiligen“ Ländern. Dies gilt seit dem Golfkrieg vor allem für Saudi-Arabien und Kuwait.
Die Präsenz der Amerikaner ist hierbei auch ein Synonym für alles, was mit westlicher Zivilisation zu tun hat.

Ist es denkbar, dass die Feudal-Regimes in beiden Ländern „abgesägt“ werden? Darauf verdichten sich die Vermutungen. Mit der augenscheinlichen Konsequenz, dass es für Saudi-Arabien um letztlich 1000 Köpfe und in Kuwait um weniger als 100 geht. Mit der Beseitigung dieser Führungsschicht
wären beide Länder „arabisch“ und weder die USA noch Europa hätten mit einem Handstreich die Chance, den westlichen Einfluss zu behaupten. Die Folgen wären fatal.

Ein „demokratisches“ Regime in beiden Ländern, welches selbstverständlich islamisch wäre, würde die OPEC zur lupenreinen arabischen Organisation machen. Die Mitglieder in Südamerika können ausserhalb der Betrachtung bleiben. Ob daraus eine nachhaltige Veränderung des Ölmarktes/ Ölpreises resultiert, mag zunächst offen bleiben. Die ökonomischen Kräfteverhältnisse wären aber in jedem Falle deutlich verändert.

Ist eine solche Annahme überhaupt realistisch?

Das kommt auf die Art und Weise an, wie die Amerikaner den Krieg gegen den Terrorismus aufbauen. Sie befinden sich hierbei in einer sehr schwierigen Lage. Diese besteht in der Angemessenheit der jeweiligen Schritte und in der völlig unkalkulierbaren Reaktion in der gesamten arabischen
Welt. Denn es gibt keine militärischen Fronten klassischer Art und deshalb keine klassischen militärischen Massnahmen, ohne dass Gegenreaktionen der Moslems in allen Ländern der Welt provoziert werden. Dazu gehört auch der eingangs erwähnte „Kidnapping“-Krieg in Sachen Kuwait/Saudi-Arabien, der unter anderen Umständen nicht möglich ist.

Der geopolitische Anlass ist also sehr klassisch, fast typisch. Eine Provokation (New York) löst Gegenmassnahmen des Betroffenen aus, destabilisiert aber eine betroffene Zone in der gewünschten Form,
wie sie von Dritten auf den ersten Blick gar nicht vermutet wird. Wir lenken deshalb Ihre Aufmerksamkeit frühzeitig auf diesen Sachverhalt, der keine Frage der nächsten Tage, sondern Wochen oder gar Monate
darstellt. Hierbei wird sich das Thema nicht auf den Terroristen Bin Laden konzentrieren, sondern sehr viel weiter gehen und an Breite gewinnen, je tiefer man eindringt, wie in eine Berghöhle.

Die Börsenmanipulationen im Vorfeld des New Yorker Attentats sind ein schwerwiegendes Indiz dafür, dass mehr als ein reiner „Racheakt“ einzelner Moslems vorliegt. Erwiesen ist inzwischen, dass der Umfang der Put-Optionen in den wichtigsten Broker- und Air-line- Aktien in den Tagen vor dem Attentat bis um das 10fache gestiegen sind. Daraus resultieren
im Übrigen, was leicht nachzurechnen ist, Gewinne von weit mehr als 200 % (!) innert 5 Börsentagen. Die entsprechenden Prüfungen am Frankfurter Markt gaben zwar bislang kein Indiz für derartige Geschäfte, aber gleichfalls gilt: Nachgewiesen ist eine bemerkenswerte Korrelation zwi-schen den Kursen der zwei grossen Rückversicherer, nämlich Münchener Rück und Swiss Re einerseits und der relevanten Schwäche der erwähnten Broker und Airlines im gleichen Zeitablauf.

Soll das ein Zufall sein?

Die Nachprüfungen werden zeigen, wer die beteiligen Parteien waren. Strafbar ist das Ganze nicht, aber die Auftraggeber werden mit grosser Wahrscheinlichkeit zum Umfeld der Terrorszene gehören. Selbst das ist wiederum nicht strafbar. Doch schlägt es die Brücke zu dem, worum es
geht. Der Kreis derjenigen, der in weitgehendem Masse, aber nicht in allen Fällen, konkret über die Politik von Terrorgruppen informiert ist, ist erkennbar grösser, als dies naiverweise in Westeuropa und auch Amerika angenommen wird.

Die Schlussfolgerung ist zwingend: New York ist ein Teil eines zumindest grösser angelegten Planes oder einer Strategie, wobei die unmittelbar Ausführenden nur einen begrenzten Kreis darstellten. Ob hierbei der genannte Terrorist der alleinige Drahtzieher ist, möchten wir unter diesen Aspekten doch sehr bezweifeln.

Ist eine Destabilisierung des westlichen Finanzsystems denkbar?

Jeder Sachkenner wird dies innerhalb von 5 Sekunden vom Tisch wischen. Anhand der gegenwärtigen Fakten sind auch wir der Meinung, dass dies unmöglich erscheint. Aus der Sicht der Araber/Moslems stellt sich das Thema jedoch anders: Destabilisierung bedeutet keine Finanzkrise oder einen Zusammenbruch der Märkte. Wohl aber das, worauf es auf arabisch ankommt: Vorteilsgewinnung in den anstehenden Fragen, die hier
knapp umrissen wurden. Nämlich eine Lösung anderer Art im Konflikt mit Israel.

Dazu gehört:

Jeder arabische Regierungschef weiss, dass kein westliches Regierungsoberhaupt die Unterstützung der Israelis verweigert. Sämtliche Kommentierungen in den westlichen Medien (elektronisch wie print) neigen dazu, die Israel/Palästinenser-Probleme mit einer Neigung zugunsten Israels darzustellen. Die Spannweite der Probleme ist beachtlich grösser, als wenn im Umfeld der New Yorker Ereignisses das Ganze sich jetzt auf die Frage konzentriert, ob, wie und wann die amerikanischen Reaktionen ausfallen werden. Sie sind ein Teil des Ganzen, aber nicht das Ganze.
Die Russen halten sich neutral! Das ist ein Novum. Die ruhige Hand von Putin beruht freilich auf einem sehr einfachen Denkansatz: Russische Neutralität kostet nichts, bringt aber Sympathie und neues Geld
für die weitere Verlängerung der alten Finanzschulden sowohl im Londoner als auch im Pariser Club.

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http://www.be09.de/BE09/imernst.htm

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Ein neuer «Kreuzzug» im Orient?
Das Ausmass an Tod und Zerstörung, das die Terrorangriffe auf die USA vom 11. September brachten, scheint das von einem amerikanischen Politologen geprägte Schlagwort vom «Zusammenstoss der Zivilisationen» auf furchtbare Art zu bestätigen. Zwischen den Werten des Westens und der Weltanschauung, die hinter dem gegen unbeteiligte Zivilisten entfesselten Terror zum Vorschein kam, tat sich ein absoluter, unüberbrückbarer Gegensatz auf. Die Identifizierung der Attentäter, die alle aus arabischen Ländern stammten, und die Bezeichnung des saudiarabischen Millionärs Usama bin Ladin als Drahtzieher des Anschlags bestätigten ein Vorurteil, das im Westen ohnehin viele schon pflegten: Der Terrorismus ist ein Produkt der Araber und des Islams.

Für die arabische und muslimische Öffentlichkeit war die Schuldzuweisung an Männer aus ihren Reihen nicht glaubwürdig. Zu gross ist das Bewusstsein der eigenen Schwäche gegenüber dem Westen, des eigenen Ungenügens vor den technologischen Herausforderungen der Moderne, als dass sie es einem der Ihren zugetraut hätte, der amerikanischen Supermacht einen solch verheerenden Schlag zufügen zu können. In den Schuldzuweisungen aus Amerika erkannten zahlreiche arabische Kommentatoren vielmehr den Versuch, einen Grund für ein Vorgehen gegen arabische und muslimische Länder zu konstruieren und so deren Aspirationen nach politischer Selbstbestimmung und wirtschaftlicher Entwicklung zu schwächen. Die westliche Reaktion auf die Anschläge vom 11. September bestätigte das orientalische Vorurteil von der grundlegenden Feindseligkeit des Westens gegenüber den Arabern und den Muslimen.

Das durch solche Pauschalurteile genährte gegenseitige Misstrauen ist der Punkt, an dem der islamistische Terrorismus ansetzt. Der Plan Usama bin Ladins beschränkt sich nicht auf die Zerstörung von Symbolen amerikanischer Übermacht, seine Strategie besteht vielmehr darin, jenen «Zusammenstoss der Zivilisationen» auszulösen, in dem, so hofft er, das «gottlose» Amerika untergehen wird. Er weiss, dass auch ohne sein Zutun in vielen Städten und Dörfern der muslimischen Welt Geistliche in seinem Sinne predigen, Lehrer seinen Standpunkt vertreten, Händler Bücher und Kassetten mit der Botschaft des militanten Islams verkaufen. Sie alle arbeiten daran, die Verbitterung über die amerikanische Hegemonie zu nähren, sie als einzige Ursache für alle Übel und Widersprüche in der Region darzustellen. Schlägt Amerika zurück, fallen Bomben auf ein muslimisches Land, so die Rechnung bin Ladins, stehen die Muslime auf und schliessen sich seinem heiligen Krieg an.

Diese Rechnung ist vorläufig nicht aufgegangen. Amerika hat nicht blind zurückgeschlagen, sondern zuerst die sich ihm bietenden militärischen und politischen Optionen abgewogen und versucht nun, ein breites Bündnis zur Bekämpfung des Terrorismus zu schmieden. Angestrebt wird auch der Einschluss der arabischen und muslimischen Staaten in diese Allianz, denn dem Kampf gegen den Terrorismus soll eine universelle Legitimität gegeben werden, und es soll der Eindruck verhindert werden, dass er gegen den Islam oder gegen ein gewisses Land gerichtet sei. Je breiter die Legitimation und die Unterstützung für die Anti-Terrorismus-Allianz ist, desto grösser wird auch ihre Wirksamkeit sein.

Diese Strategie funktioniert aber nur, wenn die Versicherung, dass sie sich nicht gegen den Islam wende, in der muslimischen Öffentlichkeit auch glaubwürdig erscheint. Dazu genügt es nicht, den Islam mit schönen Worten der eigenen Ehrerbietung zu versichern. Dies bedingt von westlicher Seite eine grosse Rücksicht auf kulturelle und politische Empfindlichkeiten der Araber und der Muslime. Die Rhetorik, mit welcher der Krieg gegen die Terroristen erklärt und gerechtfertigt wird, muss zum Beispiel in Rechnung stellen, dass das Wort «Kreuzzug», das im Westen meistens in der übertragenen Bedeutung eines gegen wen auch immer gerichteten Feldzugs gebraucht wird, im Orient immer in seiner ursprünglichen, historischen Bedeutung eines christlichen Feldzugs gegen den Islam verstanden wird.

Einige arabische Länder wie Algerien, Ägypten oder Saudiarabien führen bereits den Kampf gegen den islamistischen Extremismus im eigenen Land. Die Erfahrung islamistischer Gewalt hat auch in der dortigen Bevölkerung den Terrorismus diskreditiert. Die meisten Herrscher zwischen Atlantik und Golf werden von den Islamisten als gottlose Tyrannen oder Marionetten des amerikanischen Imperialismus verschrieen. Sie sind im Prinzip an der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus interessiert. Trotzdem sind diese Länder vorsichtig, wenn es darum geht, sich einer amerikanisch geführten Allianz gegen den islamistischen Terrorismus anzuschliessen.

Diese Zurückhaltung erklärt sich aus den Erfahrungen der arabischen Welt mit der amerikanisch geführten Koalition gegen Saddam Hussein vor zehn Jahren. Die Operation «Desert Storm» hat zwar ihr erstes Ziel, die Befreiung Kuwaits, erreicht, aber sie hat neue Probleme geschaffen und alte zusätzlich verschärft. Dazu gehören das andauernde Leiden der irakischen Bevölkerung unter den Sanktionen der Uno, die militärische Präsenz der USA in Saudiarabien, dem Land der heiligen Stätten des Islams, vor allem aber das uneingelöste Versprechen des Westens, eine Lösung des Palästinakonflikts herbeizuführen. Solche Vorwürfe und Enttäuschungen nähren in der Region einen weitverbreiteten Antiamerikanismus, der ein Zusammengehen mit den USA für die Regierungen zum Problem macht. Die Regierungen müssen gegenüber ihrer Bevölkerung den Eindruck vermeiden, willenlose Werkzeuge eines amerikanischen Plans zu sein, der auf die Anliegen der Muslime und Araber keine Rücksicht nimmt. Die Vermutung, Amerika wolle mit der Anti-Terror-Kampagne seine Machtposition in der Region ausbauen, hat viele Staaten der Region zur Forderung veranlasst, das Mandat zur internationalen Terrorismusbekämpfung sei nicht den USA, sondern der Uno zu geben.

Das Interesse des Westens, zwecks Legitimation seines Kampfs gegen den Terrorismus auch arabische und muslimische Staaten einzubinden, stärkt aber auch deren Verhandlungsposition, wenn es darum geht, eigene Anliegen durchzusetzen. Dies hat zum Beispiel Arafat erkannt, dem das amerikanische Interesse an einer Beruhigung des palästinensisch-israelischen Kriegs erlaubt, aus der Sackgasse zu entkommen, in welcher sich die Bemühungen um eine Verhandlungslösung befinden. Wie andere arabische Führer wittert Arafat die Chance, eine wohlwollende oder zumindest neutrale Haltung angesichts der Anti-Terrorismus-Initiative gegen substanzielle amerikanische Zugeständnisse bei der Suche nach einer Regelung des Palästinakonflikts einzutauschen.

Die Glaubwürdigkeit der Botschaft von der westlichen Achtung für den Islam und die Muslime steht und fällt freilich mit der Glaubwürdigkeit des Vorgehens der USA und ihrer Verbündeten gegen das Netzwerk der islamistischen Terroristen. Wie dieses Vorgehen aussehen wird, zeichnet sich erst undeutlich ab, und die meisten arabischen Staaten warten darauf, in dieser Beziehung klarer zu sehen. Der Terrorismus ist nicht das Produkt des Islams oder der Araber, sondern der politischen und der sozialen Lage der muslimischen und arabischen Völker. Wie die Reaktionen der Muslime und der Araber auf die Terrorangriffe vom 11. September zeigen, ist die Lösung des Palästinakonflikts eine grundlegende Bedingung, um dem islamistischen Terrorismus den Nährboden von Verständnis und Sympathie zu entziehen, auf denen er gedeiht. Der Westen, die arabischen Staaten, vor allem aber die Israeli und die Palästinenser selbst müssen daran arbeiten, für diesen Konflikt eine Lösung zu finden, die von einer Mehrheit der beiden betroffenen Völker unterstützt wird. Wenn der Krieg um Palästina, der die ganze Region seit fast einem Jahrhundert destabilisiert und sie in ihrer wirtschaftlichen und politischen Entwicklung blockiert, beendet wird, besteht die Aussicht, dass auch eine noch tiefer liegende Ursache für den Terrorismus angegangen werden kann: die bisher enttäuschte Hoffnung der Völker des Nahen und des Mittleren Ostens auf demokratische Selbstbestimmung.

jbi.
28. September 2001, 20:47
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Markus
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erstellt am: 06. Oktober 2001 13:41     Sehen Sie sich das Profil von Markus an!   Senden Sie Markus eine eMail!     Editieren oder löschen Sie diesen Beitrag! Reply w/Quote
Hätten die Medien nicht direkt die schrecklichen Bilder in die Wohnzimmer getragen , wären dann auch Alle so betroffen???

Ist es nicht eher so, dass die Betroffenheit auch daher rührt, dass im Moment Angst vor dem unbekannten Islam jedwede Objektivität vermissen lässt?

Ist es nicht in Europa so, dass Gastfreundschaft im Gegensatz zu vielen Islamischen Ländern ein Fremdwort ist? Obwohl diese Länder vom Westen eigentlich nie besonders viel hatten, habe ich NIE direkte Kritik gehört, ob in Bosnien Christen Muslime getötet haben oder Amerika hier und da mit Billigung der Nato Krieg geführt hat.
Zumindest ist mir kein Fall bekannt, in dem ein deutscher Grundbesitzer einem aus versehen nächtlich auf seinem Grundstück abgestelltem Wohnmobil morgens Kaffee und Frühstück gebracht hat.

Waren wir Alle so betroffen als wir Kinder mit durch Landminen abgerissenen Gliedmassen im Fernsehen sahen und gerade die USA das Verbot für Minen nicht mitratifiziert haben?
Wieviele Tausende sterben oder werden jährlich durch westlich produzierte Landminen verstümmelt oder getötet?

Es sind in unserer Welt schreckliche Dinge passiert und auch in Zukunft werden die Menschen sich unbeschreibliche Dinge zufügen.

Aber wäre es nicht an der Zeit, dass der Westen anfängt nachzudenken? Terroristen werden nicht als solche geboren. Vor allem fehlt mir im Moment eine klare Abgrenzung zwischen Freiheitskämpfer und Terrorist.


Die Geschichte wird IMMER aus der Sicht des Gewinners geschrieben!

Was ich durchaus positiv finde ist das äusserst sensible Vorgehen der Amerikaner im Moment. Doch möchte ich anmerken, dass in den Tagen nach dem Anschlag einige Menschen in den USA gelyncht wurden. Da waren auch ein paar Sikhs darunter, die wohl eher der Fernöstlichen als der Moslemischen Welt zuzurechnen waren.
Auch hat das vorsichtige Vorgehen mit Sicherheit eigene Interessen. Der 3. Weltkrieg war in den ersten Momenten und Tagen nach den Anschlägen nur einen Lidschlag entfernt.

Mit nachdenklichen Grüssen (und ein vor allem der Propaganda(Nachrichten kommen zu 80% aus öffentlichen Pressemitteilungen und Quellen) sehr kritisch gegenüberstehender)

Markus

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